Statt Sonnenstrom verschenkte Flächen

Dabei könnten PV-Anlagen auf Gazeley-Hallen 2800 Haushalte mit Strom versorgen

Kreis Kassel - Die Energiewende ist in aller Munde, Hessen will bis 2050 klimaneutral sein. Doch noch immer werden in Deutschland rund 60 Prozent des Stroms durch Kohleverbrennung sowie die Nutzung anderer, nicht erneuerbarer Energien erzeugt. Gleichzeitig werden nach wie vor große Dachflächen zum Beispiel von Industriehallen nicht konsequent für die Erzeugung von Sonnenstrom genutzt.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Deutlich sind die Gazeley-Hallen mit ihren riesigen Dachflächen im GVZ zu erkennen:
Doch nur die von SMA genutzte Halle ganz links im Bild trägt eine PV-Anlage auf ihrem Dach.
© archivfoto: Haas/Wirtschaftsförderung kassel

Hervorstechendes Beispiel hierfür sind die Gazeley-Hallen im Güterverkehrszentrum (GVZ) in Fuldabrück. Die insgesamt sieben Logistikhallen überdecken eine Fläche von rund 232 000 Quadratmetern (32 Fußballplätze). Nur eine dieser Hallen (Unit 5) hat eine PV-Anlage auf dem Dach. Nutzer ist der Solartechnikhersteller SMA. Diese Halle überdeckt eine Fläche von rund 47 000 Quadratmetern. Eine Fotovoltaik-Anlage dieser Größenordnung erzeugt 2100 Megawattstunden (MWh) pro Jahr.

Wären alle Gazeley-Hallen mit PV-Anlagen bestückt, ließe sich eine Jahresleistung von etwa 8400 MWh Strom erzielen. Damit könnten rund 2800 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgt werden - also ein ganzer Stadtteil Kassels.

Warum wird das nicht gemacht? Gazeley selbst hat bislang auf eine entsprechende Anfrage der HNA nicht reagiert. Doch geben der Zweckverband Raum Kassel (siehe Text unten) sowie die Bürger Energie Kassel & Söhre Antworten.

Problem Renditeerwartung: Gazeley selbst wie auch Firmen, die die Gazeley-Hallen mieten, zeigen kein Interesse an PV-Anlagen wegen zu niedriger Renditeerwartungen. „Ins eigene Geschäft investiertes Geld bringt deutlich höhere Gewinne als die Investition in eine PV-Anlage - selbst wenn damit Strom für den Eigenbedarf produziert wird“, sagt Prof. Rainer Meyfahrt, Vorstandsvorsitzender der Bürger Energie Kassel & Söhre. Hinzu kommt: Bis auf die SMA-Halle sind die Gazeley-Hallen statisch nicht für zusätzliche Dachlasten ausgelegt.

Problem Mietverhältnisse : Auch das trifft auf die Gazeley-Hallen zu: Sie sind vermietet, wobei die Mietverträge jedoch in der Regel eine kürzere Laufzeit haben als die Amortisierung einer PV-Anlage dauert (inzwischen mindestens 20 Jahre). „Kein Mieter will sich da gerne eine PV-Anlage ans Bein binden“, sagt Meyfahrt.

Problem EEG: Abgesehen von diversen bürokratischen Hürden, die das EEG für den Betrieb von PV-Anlagen vorsieht, ist die EEG-Vergütung inzwischen so niedrig, dass sich mit der Einspeisung von Sonnenstrom ins Netz nichts mehr verdienen lässt. Wenigstens die Investitionen müssten sich darüber refinanzieren lassen, was aber binnen 20 Jahre gerade einmal so eben hinhaut.

„So lohnt sich nur noch der Eigenverbrauch von selbst produziertem Strom“, sagt Meyfahrt. Doch handelt es sich bei den Gazeley-Mieter meist um Logistiker, die lediglich lagern, aber nichts produzieren. Entsprechend gering sei der Strombedarf in den Hallen.

Tatsächlich habe es schon, so sagt Meyfahrt, mehrere Versuche gegeben, über die Wirtschaftsförderung Region Kassel Unternehmen im GVZ für die Bereitstellung von Dachflächen für PV-Anlagen zu gewinnen - „aber ohne Erfolg“, sagt Meyfahrt. Alle Firmen scheuten vor allem den Aufwand und die damit verbundenen Unsicherheiten und Risiken, selbst wenn die Bürger Energie Kassel & Söhre selbst plane, investiere, betreibe und dann den Strom zum Beispiel nach dem Mieterstrommodel weiter verbilligt veräußere.

„Hintergrund ist, dass konventionell erzeugter Strom immer noch viel zu billig zu haben ist“, sagt Meyfahrt. Dabei sei Energie mittlerweile viel zu wertvoll, als dass sie noch so preiswert verscherbelt werden könnte. „Unter diesen Umständen werden wir die Energiewende nicht schaffen“.

Doch setzt Meyfahrt auch auf Selbstregulation: „Die Energiekosten für konventionellen Strom werden irgendwann so teuer sein, dass spätestens dann PV-Strom für den Eigenbedarf eine echte Alternative darstellen wird“.

„An Solarstrom dachte damals keiner“

Die Geschichte des Güterverkehrszentrums (GVZ) in Fuldabrück hat seine Ursprünge Mitte der 1990er-Jahre. Planung, Einwicklung und Realisation oblagen maßgeblich dem Zweckverband Raum Kassel (ZRK).

Damals spielte die Installation von PV-Anlagen auf Logistikhallen noch keine Rolle. „An Fotovoltaik hat damals noch keiner gedacht“, sagt ZRK-Direktor Kai Georg Bachmann. Weder die gesellschaftliche Diskussion noch die technische Verbreitung von Fotovoltaik seien seinerzeit so weit vorangeschritten gewesen wie heute.

Ab 2002 seien die Gazeley-Units 1, 2, 3A, 3B und 4 realisiert worden. Die Fertigstellung der Unit 5 erfolgte im Jahr 2011. Zwischen Gazeley und dem Mieter SMA bestand damals Einigkeit zur Installation der großflächigen PV-Anlage. Es wurde ein zusätzlicher Mietvertrag für die Dachfläche mit umfangreichem Regelungsbedarf (Eintrag ins Grundbuch, Zugangsmöglichkeiten, Wartung, Schneeräumung, etc.) abgeschlossen. „Diese PV-Anlage spiegelte bereits damals das zukunftsträchtige, nachhaltige und innovative Image von SMA wider“, sagt Bachmann.

Die Units 6 und 7 seien erst ab 2015 gebaut worden - allerdings wieder ohne Fotovoltaik. „Der Vorschlag des ZRK, den Einsatz von PV-Anlagen bauleitplanerisch vorzuschreiben, ließ sich damals nicht durchsetzen“.

Nach Auffassung von Bachmann wäre es für Gazeley ein enormer Image-Gewinn, wenn doch noch PV-Anlagen auf die Hallendächer installiert werden würden - auch wenn Gazeley damit durch Einspeisung keine nennenswerten Renditen einfahren würde. „Vor allem mit Blick auf zukünftige Planungen in der Region Kassel werden solche Lösungen immer interessanter“, sagt Bachmann. Denkbar wäre zum Beispiel die Entwicklung eines regionalen Energieversorgungskonzepts, bei dem heimische Energieversorger vor Ort erzeugte regenerative Energien wie Wind- und Sonnenstrom in Kombination mit passender Speichertechnologie bündeln und in einem möglichst hohen Anteil regional auch vermarkten.

„Hierzu wird der ZRK in den nächsten Monaten und Jahren Vorschläge machen und das in der Region vorhandene Wissen bündeln“, kündigt Bachmann an.

bon

Kai Georg Bachmann
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