Klimaschutz beim Wohnungsbau

Kassel und Nachbarkommunen setzen erste verbindliche Regeln fest

Kreis Kassel - Die Mitgliedskommunen des Zweckverbands Raum Kassel (ZRK) haben ein neues Kapitel in Sachen künftiger Wohnraumentwicklung aufgeschlagen. Bei der Verbandsversammlung am Mittwoch im Kasseler Rathaus wurde mit großer Mehrheit ein Eckpunktepapier als Grundlage für die weitere Wohnraumentwicklung im Verbandsgebiet beschlossen.

„Die Vorlage soll Leitfaden und Basis für die weitere politische Diskussion sein“, sagt ZRK-Direktor Kai Georg Bachmann. Ziel sei es, in enger Abstimmung nun konkrete Entwicklungskriterien für die einzelnen Mitgliedskommunen zu erarbeiten. Mit anderen Worten: Es wird nun ermittelt, wo und was genau nun beim Thema Wohnungsbau möglich sein wird. Hier die Eckpunkte:

[In der Blog-Übersicht wird hier ein Weiterlesen-Link angezeigt]

Wohnraumkonzept

Der Vorlage war eine Erhebung des Instituts Wohnen und Umwelt mit Sitz in Darmstadt vorausgegangen. Im Ergebnis wurde im Verbandsgebiet bis 2030 ein Mehrbedarf an Wohnungen von rund 22 400 Wohneinheiten festgestellt - was im Schnitt etwa 35 Wohneinheiten pro Hektar ausmacht.

„Daraus ergibt sich rechnerisch ein Flächenbedarf von etwa 630 Hektar“, sagt Bachmann. In enger Abstimmung mit den Kommunen sei bereits eine Übersicht an potenziellen Flächen in den einzelnen Kommunen als erste Diskussionsgrundlage erarbeitet worden. Ziel sei es, zunächst die Innenentwicklung in den einzelnen Ortslagen voranzubringen, bevor Erweiterungsflächen draußen auf der grünen Wiese in Anspruch genommen werden.

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). 22 400 neue Wohneinheiten werden laut Prognose in und rund um Kassel bis zum Jahr 2030 benötigt. Bei der Umsetzung dieses Entwicklungsziels spielen nun erstmals auch die Energiewende und Klimaschutz verbindlich eine Rolle.

FOTO: CINDY RIECHAU/DPA-BILDFUNK

Klimaschutz

Um den Nachhaltigkeitszielen von Bund und Land bis 2050 Rechnung zu tragen, sollen Quartiere (Wohnungsneubauten und Baugebiete) ab sofort möglichst klimaneutral entwickelt und umgesetzt werden. „Dazu zählen Energieeffizienz, erneuerbare Energien, innovative Methoden der Stromspeicherung und umweltfreundlicher Verkehr“, sagt Bachmann. Zudem sollen Aspekte der Sektorenkopplung (Verkehr, Wärme, Strom) als verbindlicher Standard etabliert werden.

Mit Blick auf Klimaschutz und Energiewende sei mit dem Neubaugebiet Vellmar-Nord bereits ein erstes Pilotprojekt angestoßen worden. Auf Basis eines Energie- und Quartierkonzepts soll dort mindestens Klimaneutralität, besser noch eine Plus-Energie-Siedlung realisiert werden - also eine Siedlung, die mehr Energie produziert als sie verbraucht. Aus diesen Erfahrungen heraus will der Zweckverband dann künftig auch alle weiteren Wohnbauprojekte in den Mitgliedskommunen unterstützen.

„Letztlich werden all diese Erkenntnisse und Leitlinien wiederum in das sogenannte übergeordnete Siedlungsrahmenkonzept (SRK) des Zweckverbandes einfließen“, sagt Bachmann. Das SRK sei erstmals 2005 erarbeitet und zuletzt 2015 aktualisiert worden. Derzeit wird es für den Zeitrahmen bis 2030 fortgeschrieben.

Das SRK beinhaltet ebenso Aspekte der Wohnraum- wie auch der Gewerbeentwicklung. Das jetzt verabschiedete Eckpunktepapier bezieht sich zunächst allein auf den Teilbereich Wohnen. Ein entsprechendes Eckpunktepapier für den Teilbereich Wirtschaft soll bereits im Frühjahr 2020 vorgestellt werden.

„Ziel ist es, dass all diese Ergebnisse auch von der Regionalplanung des Regierungspräsidiums Kassel aufgegriffen und so auch in den neuen Regionalplan 2020 eingearbeitet werden.“

Söhrewald und Bad Emstal jetzt dabei

Söhrewald und Bad Emstal sind dem Zweckverband Raum Kassel (ZRK) zunächst als Kooperationspartner beigetreten.

Die Kooperationen sollen zunächst zwei Jahre andauern und können danach noch zweimal um jeweils ein Jahr verlängert werden. Erst danach soll entschieden werden, ob die beiden Kommunen als volle Mitglieder dem ZRK beitreten wollen. Entsprechend einstimmige Beschlüsse wurden im Zuge der Verbandsversammlung am Mittwoch im Kasseler Rathaus gefasst.

Mit der Vereinbarung beauftragen Söhrewald und Bad Emstal den ZRK, die Entwicklungs- und Flächennutzungsplanung des ZRK und dessen Konzepte und Kriterien auf die beiden Kommunen auszuweiten.

Das macht der Zweckverband

Der Zweckverband Raum Kassel (ZRK) mit Sitz in Kassel am Ständeplatz besteht seit 1974. Er nimmt die Aufgaben eines städtebaulichen Planungsverbandes wahr.

Mitgliedskommunen sind die Stadt Kassel, der Landkreis Kassel sowie Ahnatal, Baunatal, Calden, Fuldabrück, Fuldatal, Kaufungen, Lohfelden, Niestetal, Schauenburg und Vellmar. Aktuell hinzugekommen sind die Kommunen Söhrewald und Bad Emstal - allerdings zunächst im Rahmen einer Probemitgliedschaft.

Für all diese Kommunen plant der ZRK, damit Flächen- und Nutzungsanforderungen auch für Wohnen, Gewerbe, Einzelhandel und Verkehr möglichst ohne Konflikte mit Natur, Freiraum und Nachbarschaften realisiert werden können.

Kommentar

Eine wichtige und innovative Weichenstellung

VON BORIS NAUMANNVON BORIS NAUMANN

Wohnentwicklung

Die von der Verbandsversammlung erzielte Einigung ist wegweisend. Und sie sendet ein klares Signal raus in die Region, dass Themen wie Klimaschutz und Energiewende nicht immer erst auf Bundes- oder Landesebene geregelt werden müssen, damit sich auf kommunaler Ebene etwas tut.

Das Wissen um Umweltprobleme sowie um mögliche Lösungsansätze ist längst da. Insofern irritiert es schon ein bisschen, dass die kommunalen Akteure nicht schon viel früher auf eigene Faust innovative Lösungen entwickelt haben, um Klimaschutz und Energiewende zu realisieren - so, als müsste immer erst alles von oben verordnet werden.

Insofern ist der Vorstoß des Zweckverbands Raum Kassel, derartige Themen erstmals in planerische Vorgaben wie das Siedlungsrahmenkonzept einfließen zu lassen, genau der richtige Weg - auch, weil sich so wieder viele Chancen für die Region ergeben. Kassel liefert mit seiner Uni sowie wissenschaftlichen Instituten das Know-how und die heimische Wirtschaft hilft bei der Realisation. Auf diese Weise werden Klimaschutz und Energiewende ernstgenommen, ohne dabei Entwicklungschancen für Wohnen und Wirtschaft außen vor zu lassen. So etwas hat Pilot- und Vorbildfunktion - schon lange war der Zweckverband nicht mehr so innovativ. bon@hna.de