Blumen werden zu früh geköpft

Initiative will die Artenvielfalt an Feldwegen fördern

Feldwege und Feldränder machen nur ein Prozent der Ackerfläche im Kreis Kassel aus. Für den Naturschutz sind sie jedoch wichtig: Blühende Wegeränder sind ein bedeutender Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Diese Randstreifen sollen künftig besser geschützt werden. 
Der Zweckverband Raum Kassel will sich um die Flächen kümmern. Zunächst für die Kommunen, die dem Verband angehören. Es wird darüber beraten, ob dieses Programm künftig allen 29 Kommunen angeboten werden kann. Im Kreistag war das bereits Thema. Auch die Vertretung der Landwirte wurde eingebunden.

Die Vogelwicke: Harald Haag (HGON) erklärt die Besonderheiten der lila blühenden Pflanze am Wegrand. Foto: Aline Fischer

Manche Wege verschwinden, weil sie nicht mehr gebraucht und untergeackert werden. Und Spaziergänger ärgern sich immer wieder, dass trotz der Diskussion um das Insektensterben Wegeränder gerade dann gemäht oder gemulcht werden, wenn sie in voller Blüte stehen. Das will der Verband künftig verhindern, kündigen Direktor Kai Georg Bachmann und Landschaftsplaner Dr. Claus Neubeck an. Der Verband bietet den Mitgliedsgemeinden ein Paket an. Dazu zählt die Kartierung der Flächen. Die Gemeinden erfahren, wie sie Fördertöpfe finden, um Wegeränder fachgerecht anlegen, einsäen und pflegen zu können. Dabei will der Verband Bauern und Gemeinden einbinden. Finanziert wird das Paket von den Gemeinden, die es beim Zweckverband buchen. Immer deutlicher wird, wie wichtig artenreiche Lebensräume sind. Sie zu erhalten, ist nicht nur ein Beitrag für den Naturschutz. Auch Naherholung und Tourismus können davon profitieren, sagt Bachmann.

Artenvielfalt am Wegesrand

Auf der Domäne Frankenhausen kann man den Unterschied zwischen biologischer und konventioneller Landwirtschaft sehen - hier ein bunter Randstreifen mit Gräsern, Blumen und Bäumen. Gegenüber ein ganz anderes Bild: ein dicht bewachsenes Feld mit abgemähtem Randstreifen, auf dem kaum Gräser oder Bäume stehen. Der Randstreifen des Feldes, das die Domäne biologisch bearbeitet, wird größtenteils sich selbst überlassen und nicht abgemäht. Das sagt Helmut Haag von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Beim konventionellen Anbau wird das Feld so dicht wie möglich bepflanzt, um die Fläche möglichst gut auszunutzen. Der Randstreifen wird oft komplett abgemäht.

Im Wechsel werden auf den biologisch bewirtschafteten Ackerflächen Kartoffeln, Getreide und Futterklee angebaut. Der Anbau des Klees auf Wiesen bringt aus der Sicht des Naturschützers Nachteile: „Die Flächen werden zu früh abgemäht, sodass viele Jungvögel dort noch nicht überlebensfähig sind“, sagt Haag. Würde später gemäht, wäre die Qualität des Klees geringer, sodass weniger gutes Futter für die Kühe zur Verfügung stände, erklärt der Biologe.

Auf der Wiese gegenüber des Kuhstalls gedeihen mehr als 50 Pflanzenarten und 25 Gräser. Diese Vielfalt bietet Schmetterlingen Nahrung. Im Herbst werden sie abgemäht, sodass überwinternde Vögel schwerer Nahrung finden. „Das teilweise Mähen der Wiesen ist aufwendiger. Aber damit wäre nicht nur den Vögeln geholfen,“ sagt Haag. Würde wechselweise gemäht, könnten sich mehr Pflanzen ansiedeln.

Hintergrund

Das macht der Zweckverband

Dem Zweckverband Raum Kassel gehören die Stadt Kassel, die Gemeinden im Altkreis Kassel und Calden an. Der Verband plant für die Mitglieder, damit Flächen- und Nutzungsanforderungen möglichst ohne Konflikte mit Natur, Freiraum und Nachbarschaftorten realisiert werden können. Dazu zählen Planungen unter anderem für Wohnen, Gewerbe, Einzelhandel und Verkehr. Auch Landschaftsplanung gehört zu den Aufgaben. In diesem Rahmen bietet der Zweckverband den Gemeinden das Projekt „Rückgewinnung von grünen Wegen und Säumen“ an. Die Mitgliedsgemeinden hatten den Verband 2016 aufgefordert, dieses Thema zentral zu bearbeiten. (ber)

Sogar Enzian abgemäht

Spaziergänger schüttelten im Spätfrühjahr häufiger den Kopf: Bunte Acker- und Wegränder, auf denen blühende Blumen Lebensraum für viele Insekten boten, wurden noch während der Blütezeit gemäht oder gemulcht.

Im Raum Trendelburg wurden dabei sogar Orchideen und Enziane abgemäht, die unter Naturschutz stehen. Angesichts der landesweiten Diskussion über das Insektensterben stieß das auf Unverständnis. Bunte Wegraine bieten nicht nur Insekten Platz. Seltene Rebhühner können einen Ausweich-Lebensraum finden. Auch andere Vögel nisten dort. Wird zu früh gemäht, kommt der Nachwuchs regelrecht unter die Räder.

Trendelburgs Bürgermeister Martin Lange bestätigte, dass im Rathaus Beschwerden wegen zu früh gemähter Wegeränder eingegangen seien. Die Stadt habe sich bei der Unteren Naturschutzbehörde kundig gemacht, damit der Bauhof im Stadtgebiet Wegränder künftig schonend mähen kann, sagte Lange.

Einige der Empfehlungen: Die Mahd soll so geplant werden, dass sie nach der Blüte stattfindet und Vögel ihren Nachwuchs aufziehen können. Die Ränder sollen nur stückweise bearbeitet werden, damit es ungestörten Raum zum Ausweichen gibt.

Der Bürgermeister weist aber auch auf die Verkehrssicherungspflicht der Stadt hin. An Wegrändern darf es beispielsweise nicht zu Gefährdungen durch altersschwache Äste oder Bäume kommen. Außerdem muss Wasser dort schadlos abfließen können. (ber)

Bedrohte Pflanzen abgemäht: Bei Sielen kamen Orchideen und ein Kreuzenzian (Foto) unters Messer. Foto: privat/nh